Der Aralsee – das Verschwinden eines Sees

Aral_Sea_1989-2008
Von NASA, derivative work by Zafiroblue05 at en.wikipedia – 1989: earthobservatory.nasa.gov, aral sea 1989 250mFile:Aral Sea 05 October 2008.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5957380

So weit das Auge reicht: Wüste. Sandiges Geröll unter den Füßen, winzige Körnchen, die nach Salz schmecken, sich auf die Haut und Lippen legen und in den Falten der Kleidung hängen bleiben. Wie Fliegenfallen. Die Sonne strahlt gleißend weiß vom Himmel. Der Schweiß läuft. Die Luft schmeckt nach Salz. Zu allen Seiten ist nur Wüste. Keine Pflanze unterbricht die Weite des Nichts. Nur am Horizont zeichnen sich nebenaneinder liegende Riesen ab. Es sind die rostigen Relikte aus einer Zeit, in der dieses endlose Nichts ein See war.  Als verrostetes Metall, dass langsam zerfällt, liegen die Skelette der Riesen noch immer vor Anker. In ihren Schatten lagern Kamele. Suchen im Schatten der Relikte Schutz vor der gleißenden Sonne. Und vor den Sandstürmen, die sich am Himmel auftürmen und bald über alles hereinbrechen werden.

Die melancholischen Riesen, die noch immer im Sand, vor Anker liegen, gehörten einmal zu einer Flotte von Fischerbooten, die auf dem viertgrößten Binnensee der Welt, schwammen. Eine Fläche, fast so groß, wie Bayern erstreckte sich zwischen den Grenzen Kasachstan und Usbekistan hinaus. Gespeist von zwei Flüssen, den Amu Darja und Syr-Daria.  68.000 Quadratkilometer reinstes Leben. Plätscherndes Nass in einer heißen Region.

Boote schipperten Tag ein Tag aus auf dem Binnensee, holten Fische ein, verkauften sie auf den florierenden Märkten von Städten wie Muinak. Laute Stimmen auf dem Markt, lachende Gesichter, die an der Promenade entlang flanierten und auf den See, den tanzenden Schiffchen zuschauten. Karakalpakstan, wie diese Region genannt wird, florierte. Lebte.

Heute liegt Muinak über 150 Kilometer entfernt vom Meer. Kaum zu glauben, dass die Gischt an die Ufer der Promenade spritze und sich 20.000 Einwohner in den Straßen des Ortes tummelten. Jetzt gleicht die Stadt einem Geisterdorf. Von den 20. 000 Einwohnern sind etwa 2.000 Menschen geblieben. Menschen, die sich noch an den Geruch der See und dem Gefühl von schwankenden Kähnen auf dem See erinnern. Früher einmal lebten sie in einer nach Seeluft und Fisch riechenden Stadt, heute in der Wüste.

Der Aralsee ist heute nur noch ein, in kleine Teile, zerfallene See. Aber wie konnte es passieren, dass ein See von 68.000  auf etwa 14.000 Quadratkilometer schrumpft?

Aralship2
By User:Staecker – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=658367

Stalins größenwahnsinnige Idee endet in einer der größten, menschenverursachten Klimakatastrophen

Heute spricht man von einer der größten, menschenverursachten Klimakatastrophen. Der Untergang des See wurde mit Josef Stalins Idee besiegelt, Mittelasien zur Baumwollplantage umzufunktionieren, um die Importunabhängigkeit der Sowjetunion zu erreichen. Baumwolle, das weiße Gold,  eine der durstigsten Nutzpflanzen der Welt. Ursprünglich stammt das weiße Gold aus dem Regenwald, wird aber in trockeneren Gebieten angepflanzt, weil die Wolle bei starken Regen fault und verschimmelt. Trocken ist die Gegend des Krakalpakistan. Zu trocken, um dort Baumwolle anpflanzen zu können.

Nach dem Zweiten Weltkrieg rollten sie an. Mit großen Baggern, Ingenieuren, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Und sie bauten Bewässerungsanlagen. Hekta um Hekta sprossen Baumwoll- und Reisplantagen aus dem Boden. Wurden besprüht mit Pestiziden wie DDT, Toxaphen und Phosalon. Noch mehr Wasser wurde aus den Flüssen abgezweigt. Der See blieb stabil. 1967 wurde dann der Karakum-Kanal  eingeweiht, in diesem 1375 Kilometer langen Kanal verschwinden jährlich die Hälfte des Wasser die der Fluss Amu Daria führt. Und Wohin? Durch die Wüste hinunter ins Kaspische Meer. Weg vom Aralsee und den Fischerdörfern. 1987 sinkt der Wasserspiegel soweit, dass der See sich in einen nördlichen und südlichen See teilt.

Ein vorhersehbares Ereignis oder doch überraschendes Ergebnis?

Das Verschwinden des Sees vorhersehbar oder überraschend für die Sowjetunion?  Eigentlich eine einfache mathematische Gleichung.  Nimmt man mehr Wasser heraus, als durch Regen und die Flüsse wieder hineinfliegt, verschwindet der See am Ende. Das heutige Ergebnis war vorhersehbar. Auch damals, als Stalin seinen Plan für Mittelasien formulierte. Hierbei berief sich die Sowjetunion auf den russischen  Klimatologe Alexander Wojeikow. Dieser behauptete, dass der Aralsee nur „ein nutzloser Verdampfer“ ,  “ Ein Fehler der Natur“ sei.

Einen Fehler der Natur kann man beseitigen. Und so geschah es.

Eine der größten ökologischen Tragödien unserer Geschichte, vorsätzlich geplant. Sogar gewollt. Womit die Sowjetunion nicht gerechnet hatte, war die Versalzung des Bodens. Ein normaler Prozess, der entsteht, wenn das Wasser verdunstet und  die Minerale zurück bleiben. Im Boden, auf der Nahrung und auf dem losen Wüstenbodens des ehemaligen Sees. Die Salzkruste, die zurück bleibt, ist ein Indiz für das, was dem See und dem Land angetan wurde.  Das dort nichts lebt, kein Baum, keine Nutzpflanze kommt nicht überraschend. Dadurch das der Wüstensand nicht durch Pflanzen und Wurzeln gehalten werden, vermehren sich die Sandstürme. Sandstürme, die voller Salz und Chemikalien versetz sind, die man auf den Feldern der Plantage auf die Pflanzen spritzt.

Mit dem Verschwinden des Sees ist nicht nur das Wasser verschwunden. Die Lebensgrundlage von tausenden Menschen verschwand. Denn die Versalzung war ein schleichender Prozess. Der Rest des Aralsees, der inzwischen nur noch im westlichen Teil von Usbekistan geblieben ist, ist versalzen. Kein Fisch kann dort überleben. Das Wasser ist dreimal so salzig wie die Meere. Auf ein Liter Wasser kommen 110 Gramm Salz.  2/3 der Flora ist tot.

Und auch das Klima leidet unter dem Verschwinden des „nutzlosen Verdampfers“. Die Dunstglocke, die über dem See durch Verdunstung, Nebel und Regenguss lag, ist weg. Und damit auch die Milde des Klimas. Die Sommer sind heißer geworden. Die Winter kälter. Die Temperaturen, die von der See abgemildert wurden, prallen in ihrer vollen Stärke auf die Lebewesen der Wüste herab. Sogar bei uns in Europa hat die Abschwächung der Winde Auswirkungen. Fühlen wir zwar nur ein paar Grad mehr im Sommer und einige weniger im Winter, spricht die Entfernung, die zwischen uns und dem See liegt,  für die Tragweite und Nutzen des See und der verankerten Kettenreaktion unseres Klimas.

Das Leiden der Bevölkerung

Das menschliche Leiden unter dem Fehlen des Sees ist vielfältig. Sei es der Fischer, der seine Familie nicht ernähren kann oder das Verschwinden ganzer Wohnviertel durch die Abwanderung der Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit und Trostlosigkeit liegen über den Straßen und Gassen der einst florierenden Stadt Muinak. Die Menschen, die geblieben sind leiden. Nicht nur an Armut und dem Traum vom See, sondern an Krankheiten.  In Karakalpakstan kommt Speiseröhrenkrebs  25x Mal häufiger vor, als im Weltdurchschnitt. Hinzu kommt multiresistente Tuberkulose, Atemwegserkrankungen, Immunkrankheiten und Missbildungen bei Neugeborenen. Die Kindersterblichkeit liegt auf dem Niveau von Simbabwe und anderen Staaten am Ende der Skala. Und die, die es bis ins Erwachsenenalter schaffen, haben nur eine Lebenserwartung, die halb so hoch ist wie in Russland. Atemwegserkrankungen und Tuberkulose kann man mit den giftigen Sandstürmen in Verbindung bringen, die das Salz und die krebserregenden Pestizide in dem Wüstenboden durch die Luft tragen.

Aralsk-7- Testgelände für Biowaffen

Und dann ist da  auch noch die Insel der Wiedergeburt. Einst eine Insel im Aralsee, eingeschlossen durch Wassermassen. Nun eine Erhebung in der Wüste. Dort steht ein verfallenes Gebäude, dass früher Testgelände für Biowaffen war. Das Amt für Mikrobiologische Kriegführung der Roten Armee brachte tausende Tiere auf die Insel, infizierte sie mit Pocken, Pest, Bruchlose, Anthrax und anderen Krankheitserregern. Aralsk-7, wie das Labor gennant wurde, war Top Secret. Die Lage mitten auf dem Aralsee für ein geheimes Labor perfekt. Was wie aus einem James Bond Film klingt, ist bitterer Ernst. Auf dieser Erhebung mitten in der Wüste, wurden  tödlichen Erregern wie Pocken, Anthrax und Pest getestet und weiterentwickelt. Um die tödlichen Viren noch gefährlicher zu machen.

1971 reist eine Forscherin auf dem Forschungsschiff „Lev Berg“ über den Aralsee, als das Schiff in einen merkwürdigen, brauen Nebel gerät. Die Wissenschaftlerin wird, trotzdem sie gegen Pocken längst geimpft ist, krank. Zurück in ihrem Heimatdorf werden 9 Menschen krank, 3 von ihnen sterben. Darunter ihr jüngerer Bruder. Damals ist dieses Phänomen unerklärlich. Existiert das Labor zur dieser Zeit nicht einmal inoffiziell.  Es kommt zu weiteren Vorfällen. 1988 weiden in der Nähe der Insel 50.000 Saiga- Antilopen. Eine Stunde später ist die Herde tot. 50.000 Tiere.

Erst 1992, nach dem Ende der Sowjetunion,  wird das Labor verlassen. Die Aufräumarbeiten werden vergessen. Die tödlichen Erreger bleiben auf der Insel. Erreger, wie Anthrax, zu deutsch Milzbrand, der über 100 Jahre überleben kann. 8 von 10 Menschen, die diesen Erreger einatmen, sterben. Jede einzelne Spore muss getötet werden. Erst 2001/2002 macht sich ein US- Forscherteam daran Monate lang die Insel zu säubern. Nun ist im Staub der Wüste kein Erreger mehr nachweisbar. Dennoch sterben in der Region noch immer Menschen ab und an an der Pest.

Aralsee
Von Evaporation of the Aral Sea, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12435132

Die Leiden der Menschen unter dem verschwundenen See ist groß. Wenigstens in Kasachstan konnte der nördliche See  durch einen 13 Kilometer langen Staudamm gerettet werden. Gleichzeitig schneidet er den südlichen Teil des Aralsee von seiner wichtigsten Wasserquelle für immer ab. Während der nördliche Aralasee sich in Kasachstan erholt und inzwischen wieder Fische führt, scheint die Politik in Usbekistan kein Interesse zu haben, den Aralsee wieder aufzufüllen. Kein Wunder, wenn der Weg durch die Wüste inzwischen von Bohrtürmen, Öl- und Erdgasplattformen flankiert wird.

Wasserknappheit, Krankheit, Arbeitslosigkeit sind die alltäglichen Sorgen der Bürger in Krakalpakistan. Die Hoffnung wieder  auf einem Boot über das kühle Nass  schippern zu können, haben sie längst aufgegeben. Usbekistan, ein Land von fünf, durch das die Flüsse des Aralsees fließen. Fünf Länder, fünf Ziele. Eine Kommission versucht zwischen den Ländern zu vermitteln. Aber die Fragen wem das Wasser gehört und in wie weit die Länder für die Oberfläche des Sees verantwortlich sind, bleiben Streitfragen, an denen sich die Geister scheiden.

Das Verschwinden des Aralsees eine der größten ökologischen Tragödien durch Menschenhand, entstanden durch  Stalins Plan Mittel Asien zur Importunabhängigkeit zu benutzen. Wenigstens dieses Ziel ist erreicht. Heute zählt Usbekistan zu den größten Baumwolllieferanten der Welt, dass durch Zwangsarbeit und Drohungen seiner Bewohner aufrecht erhalten wird.

Das Land der Seidenstraßen, reich an historischen Städten und Rohstoffen, heute nur noch ein Abklatsch eines dritte Weltlandes?

 

 


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2 Gedanken zu “Der Aralsee – das Verschwinden eines Sees

  1. Das ist echt erschreckend! Ich hätte nie gedacht, dass Menschen So etwas tun. Hatte davon auch noch keine Ahnung, deswegen finde ich es toll, dass du über Dinge schreibst, die soweit weg geschehen und von Ländern/ Dingen, die ja noch nicht so in aller munde sind! Sehr interessant. 👍🏻👍🏻👍🏻

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