Moderne Sklaverei und systematisches Ignorieren – Usbekistan, das Land der Baumwollplantagen

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Von Poulpy, based on work by NASA. – World Wind, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=90468

Ich ziehe mein Shirt aus. Drehe es herum und starre auf das kleine Zettelchen hinten im Ausschnitt. Made in Cambodia. Ich atme durch. Glück gehabt. Oder doch nicht? Mein Shirt ist von H&M. Lustlos tippe ich in die Suchmaschine den Namen der Firma und die Worte : „Usbekistan“ und „Zwangs- und Kinderarbeit“ ein.

Die Suchmaschine läd. Und dann springen mir hunderte Seiten ins Gesicht. Überschriften, die mir genau eins klar machen: Ich trage ein Shirt, dass

  1.  mitverantwortlich für das Austrocknen des Aralsees ist, weil der See dazu benutzt wurde ganze Landstriche voller Baumwollplantagen zu bewässern, bis nichts mehr von dem einst so großen See übrig blieb.
  1. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder die Baumwolle mit zerstochenden Fingern an einem 20 Stunden Tag gepflückt haben, ist hoch. Und wenn es nicht die Kinder waren, dann waren es die Lehrer, Studenten und Ärzte, die von der usbekischen Regierung gezwungen wurden  ihren Soll bei gleißender Hitze und unter strengen Aufsehern abzuarbeiten.

 

Ich starre auf den Pc. Lasse das Bildschirmlicht kurz auf mich wirken bis ich wieder auf meine Klamotten und hinüber zu meinem Schrank linse. Das Shirt gefällt mir. Genauso wie die anderen Klamotten in meinem Schrank, die wohl zu 80% aus Baumwolle aus Usbekistan stammen.

Die Weltbank und Usbekistan- gewollte Ignoranz?

Usbekistan ist einer der führenden Baumwolllieferanten. Das Ganze wird unterstütz von der World Bank. Mit vielen Millionen Euro jährlich. Es ist unfassbar, wie leicht es ist an diese Informationen heran zu kommen. Hier ein Wort, da ein Wort, dass ich in die Suchmaschine haue und vor mir breitet sich das ganze Ausmaß aus.

Die Worldbank ist eine Sonderkommission der UN, die sich als Ziel gesetzt hat andere Länder im Wiederaufbau und der Entwicklung zu helfen. Ländern wie Usbekistan, deren Rohstoffe und Bodenschätze hoch sind, die Bevölkerung dennoch arm ist. Der Geldanteil der Mitglieder in der Bank macht ihre Stimmen im Rat aus. Viel  Geld, viele Sitze – viel Macht. Ganz vorne mit dabei ist die USA mit 16,32 %, ihr folgen Japan, China und wir.

Die Worldbank oder auch Welt Bank ist eigentlich eine gute Sache. Ein Bank, die den Armen hilft, den entwicklungsschwachen Nationen. Und dann ist da Usbekistan, dass dieses Jahr 2 Milliarden US-Dollar bekommt, um ihre Landwirtschaft und Wirtschaft auszubauen. Viele Stimmen wurden in den letzten Jahren laut: Wie kann die Weltbank ein Land unterstützen, dass Kinder- und Zwangsarbeit benutzt, um ihre Wirtschaft auszubauen. Eine Wirtschaft, die wir mit unterstützen. Ein Land, dass wir unterstützen.

Anstatt das die Bank kein Geld mehr an Usbekistan ausgibt, schickt sie die Organisation ILO, um die nun aufgestellten Forderungen und das Verbot der Zwangs- und Kinderarbeit der Bank in Usbekistan zu überprüfen.

Was ist die ILO?

„Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Hauptsitz in Genf. Sie ist zuständig für die Formulierung und Durchsetzung internationaler Arbeits- und Sozialstandards“, heißt es auf der offiziellen Seite der Organisation.  Die ILO überprüft, ob die Menschen auf den Feldern dort freiwillig sind. Auf die Aussagen dieser Organisation stützt sich die Welt Bank. Zweifel über den Wahrheitsgehalt der Aussagen der ILO kommen leicht auf.

Erzählen doch viele Menschenrechtler, dass die Prüfer der ILO nur mit Regierungsbeamten auf die Felder dürfen und diese, die Arbeiter vorher instruieren und ein bestimmtes Verhalten gegenüber den ILO- Arbeitern anweisen. Zweifel kommen auch auf der Website des Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung auf, wenn man die dort genannten Angaben und Zahlen betrachtet. Wieso gibt es auf der Website des Bundesministerium Angaben zur Hauptstadt, Einwohnerzahlen, Fläche und Prozente über Bildung, Abschlüsse und Analphabetismus in Usbekistan, aber wenn es zur Spalte kommt, in der die Prozentzahl von Kinderarbeit stehen sollte, steht nur: keine Daten verfügbar. Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben: Keine Daten verfügbar.

Wenigstens sieht man wie viele Menschen unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben: 14, 1% im Jahre 2013 und wie viele Menschen unterernährt sind: 6.3% im Jahre 2015. Dennoch frage ich mich, wo das Bundesministerium seine Angaben her hat. Ich schaue nach.

Verwendete Quellen: Weltbank, Auswärtiges Amt, Human Development Reports. Ich schaue mir jede Seite an. Dort steht nichts, was man nicht auch auf offizielle Seiten der usbekischen Regierung sehen kann. Fast kommt es mir vor, als ob die offiziellen Seiten alle voneinander abschreiben. Ich frage mich, wieso das Bundesministerium nicht Amnesty International oder die Organisation UGF ( Usbek-German Forum for Human Rights) zu Rate gezogen haben und sich auf die Fakten der Weltbank und des Auswärtigen Amtes verlassen. Seiten, die sich auf die offiziellen Seiten der usbekischen Regierung stützen oder der ILO, an dessen Wahrheitsgehalt ernsthaft zu zweifeln ist.

Ein System aus Angst

Interessant ist die Seite der UGF, die ich im Rahmen meiner Recherche gefunden haben. Diese Organisation ist eine NGO, die  von einer usbekischen Journalistin und Menschenrechtsaktivistin gegründet wurde, die 2006 Asyl in Deutschland beantragt und gewährt bekommen hat. Umida Niyazova musste aus ihrem Land fliehen, weil sie die Strafprozesse und die Verurteilungen ohne Beweise beiwohnte und für die Öffentlichkeit dokumentierte. Ihre Organisation setzt sich dafür ein, die Lebensumstände in Usbekistan aufzudecken. Am 19. Mai 2018 hat die UGF  einen 96- seitigen Report  herausgegeben, indenen sie ausführlich über die Zwangsarbeit schreiben. Dort werden Geschichten der Zwangsarbeiter erzählt. Zwangsarbeiter, die eigentlich Krankenschwestern und Ärzte sind. Lehrer und Studenten, die aus Angst ihren Job, in der angeschlagenen Wirtschaft, zu verlieren bis 4 Uhr nachts auf den Feldern ihren Soll ableisten. Lehrer, die selber Druck auf ihre Schüler und deren Eltern ausüben, weil das System so funktioniert. Die Angst wird von oben nach  unten abgegeben.

Wer etwas daran ändern will, droht mehr, als nur der Verlust seines Jobs. Auch wenn es scheint, als änderte sich einiges im Land durch den Machtwechsel vom Ministerpräsident Islom Karimov durch Shavkat Mirziyoyev  am 4. Dezember 2016. Dennoch werden noch immer Journalisten, unabhängige Aktivisten und Anwälte größtenteils unterdrück. Ein Lichtblick ist der Besuch einer Delegation von Human Rights Watch, die nach einem 7-jährigen Arbeitsverbot, wieder Forscher ins Land schicken durften.

Ein kleiner Lichtblick bedenkt man die Situation von  Elena Urlaeva. Sie ist Leiterin einer NGO, die sich Human Rights Defenders Alliance of Uzbekistan nennt. Zusammen mit einen freien Fotografen Timur Karpov und zwei französischen Aktivisten wurde sie festgenommen, als sie medizinisches Personal und Lehrkräfte zur Arbeit auf den Baumwollfeldern befragte. Nach dem Bericht von Amnesty International wurde Elena während ihrer Haft geschlagen und sexuell gedemütigt. Im Mai 2017 wurde sie in eine psychiatrische Klinik zwang eingewiesen. Ein Monat später wurde sie wieder entlassen und erholt sich nun von den Misshandlungen durch die Behörden. Das Schlimme daran ist wohl, dass das Beispiel Elena Urlaeva eben genau das ist: ein Beispiel und kein Einzelfall.

Folter und systematisches Wegschauen

Es ist längst bekannt, das die Gefangenen in den Gefängnissen unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt sind. Das Folter erlaubt ist, um  Geständnisse zu erzwingen. Journalisten werden wegen kritischer Berichte, wegen „Extremismus“ verhaftet. Richter ignorieren Berichte über Folter und lassen Geständnisse zu, die durch systematische Folter erzwungen wurden.

Usbekistan ein Land, das sich nach mehr als zwei Jahrzehnten noch immer im Übergang von der sowjetischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft befindet und das mit vielen Problemen kämpft. Die Frage, die sich mir stellt, ist: Würde es wirklich helfen, wenn die Weltbank ihre Kredite zurückziehen würde? Oder würde es nur zu einer Verschärfung der Umstände für die Opfer führen? Mehr Zwangsarbeit, mehr Kinderarbeit. Weniger Freiheit?

Wie mit einem Land, dass geprägt ist von autokratischen Formen, umzugehen ist, ist schwer zu beurteilen. Die Rücknahme des Geldes könnte die Regierung zur Handlung zwingen. Es könnte sie gleichzeitig mit dem Rücken an die Wand stellen. Ein Tier, dass man einengt, ist am gefährlichsten und am unberechenbarsten. Länder und Menschen scheinen in der Hinsicht nicht anders zu sein.

Aber was können wir machen?

Druck aufbauen und Menschen wie Elena Urlaeva unterstützen. Organisationen wie Amnesty International und UGF unterstützen. Den Leuten vor Augen halten, was dort in Mittelasien geschieht. Und nicht wegsehen mit der Ausrede, es gibt Länder, den es schlimmer geht oder, das Mittelasien, sowie der Nahe-Osten voller Probleme dieser Art steckt. Nur weil diese Länder weit weg sind, heißt das nicht, dass wir keine Verantwortung tragen. In Zeiten der Globalisierung ist Entfernung kein Indiz dafür, dass das eigene Land nicht mit verstrickt ist in den Geschehnissen.

In Zukunft werde ich darauf achten bei H& M die Biocotton Kollektion zu kaufen. Der Gedanke ein Shirt für 10 Euro am Leib zu tragen, dass aus Baumwolle entstanden ist, dass ein 10-jähriges Kind unter gleißender Sonne, mit zu wenig Essen, zu wenig Wasser und mit zerstochenen, blutigen Fingern gepflückt hat, ist mir unerträglich.

Euch auch?

 


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Von Poulpy, based on work by NASA. – World Wind, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=90468
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2 Gedanken zu “Moderne Sklaverei und systematisches Ignorieren – Usbekistan, das Land der Baumwollplantagen

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