Power to the people

Politische Kunst Jetzt- eine Ausstellung in der Schirn in Frankfurt

„ Ist Kunst Aktivismus oder ist Aktivismus Kunst?“

So beginnt unser Führerin die Ausstellung „Power to the People“  in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Kunst und Politik? Ein Muss oder ein Kann? Optional oder obligatorisch?

Die Frage über politische Kunst und ob oder viellicht sogar muss Kunst politisch sein, zeiht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Aber nicht nur diese Frage werden in der Ausstellung aufgeworfen. Die Kunstwerke, die von Künstlern wie Mark Flood, Phyllida Barlow,  Tobias Monat, Katie Holten und vielen weiteren Künstlern stammen, befassen sich gleichzeitig mit der heutigen poltischen Situation. Befinden wir uns in einer politischen Krise? Befindet sich die Demokratie in einer Krise? Die Ausstellung  greift die Theorie der Postdemokratie des Politologen Colin Crouch auf und fragt die Besucher.

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Phyllida Barlow – Bunte Banner für Demonstrationen

Schon am Eingang   begegnet man Phyllida Barlow Werk aus  bunten, aneinander genähten Stoffbahnen, die an einfach Spannholzpfeiler befestigt sind, die von leuchtend orangen Sandsäcken an ihren Plätzen gehalten werden, von unten nach oben betrachtet. Man kann zwischen den roten, gelben, blauen und schwarzen einfach zusammen genähten Bannern das Glasdach sehen, dass über dem Kunstwerk wie ein Atrium schwebt. Und dann sind da überall diese Pfeiler und man muss über die Sandsäcke und Konstruktion hinweg steigen. Es scheint, als hätte dieses Werk kein Anfang und kein Ende. Aber da in dieser Geflecht zwischen den einfachen Materialien zu stehen, da kann man fast fühlen, wie man Teil einer Demonstration ist und mit den selbstzusammen gezimmerten Schildern und Plakaten durch die Straßen läuft, während über einen die Hochhausdächer und ein Stückchen Himmel wie ein Atrium über einen schwebt.

Das Kunstwerk greift die Symbolik der Fahnen auf. Zusammengehörigkeit, Macht und Widerstand.  Durch die einfachen Materialien haftet dem Kunstwerk etwas fragiles und zeitliches an. Es verweigert die Monumentalität und den Perfektionismus. Phyllida Barlow baut ihre Skulpturen nach einer Ausstellung ab und recycelt das Material. Es macht mich traurig, weil ich weiß, dass die farbenfrohen Banner, unter denen ich stand und die wie ein Labyrinth auf mich wirkten, inzwischen nicht mehr existiert. Gleichzeitig macht es die Zeitlichkeit und die Vergänglichkeit der Skulpturen noch einmal deutlich, nimmt die Künstlerin sie in ihre Praxis auf. „100 Banners 2015“ heißt das Kunstwerk der Künstlerin, die nicht nur ein bewegendes Werk geschaffen hat, sondern durch die Möglichkeit sich hineinzustellen, auch ein Werk zum anfassen und eines zum teilhaben geschaffen hat.

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Es muss ein gewollter Übergang sein, denn solch ein kontrastreicher Übergang vom Treppenhaus in die Ausstellung muss geplant sein. Man verlässt das weiße, steinerne, helle Treppenhaus und macht einen Schritt ins dunkel. Ein großer Raum, indem nichts weiter steht, als Wahlkabinen.

„Wahlkabinenmuseum“ steht an der Wand. Das wars. Ansonsten sind da nur der Besucher und die Wahlkabinen, die der belgische Künstler Guillaume Bijl aus aller Welt nachgebaut hat. Die Wahlkabinen stammen aus den Ländern Finnland, Aserbaidschan, Österreich, Japan, Marokko und China und werden als ein Relikt inszeniert. Sie werden angestrahlt, wie ein alternes Schwert oder ein zerfallendes Dokument hinter einer Glaswand im Museum. Es gibt keine Unterscheidung zwischen den Ländern mit einem Wahlrecht oder keinen. Alle Kabinen stehen neben einander, vollkommen durcheinander. Wie viel kann man mit Wahlen in den besagten Ländern wirklich mitbestimmen, fragt man sich. Wenn man danach wieder ins Licht des nächsten Raum tritt, stellt sich automatisch die Frage: Wie wird unsere Welt aussehen, wenn Wahlkabinen tatsächlich einmal als Relikt in einem Museum stehen und die Wahlkabine nur noch Deko im echten Leben?

IMG_0193Als ich wieder ins Licht trete und einem Ausstellungsraum gegenüberstehen, der mit Trennwänden und Kunstwerken  ausstaffiert ist, fällt mir eines auf. Es ist die laute Melodie, die von weiter hinter bis zum Anfang klingt und wie eine unsichtbare Untermauerung über der ganzen Ausstellung liegt. Das Lied vom Tod. Wer kennt nicht die unheimliche Melodie aus dem Wester „ Spiel mir das Lied vom Tod“. Ist es ironisch, lustig, gewollt oder ungewollt, dass eine der Video-Installationen aus der dieses Lied klingt, so laut gestellt wurde, dass sie über der ganzen Ausstellung hängt? Schwebt das Lied des Todes vorsätzlich über der Ausstellung über Politik und der Frage, ob die Demokratie in einer Krise ist? Oder bin ich einfach nur zynisch?

5000 Tausend Likes oder die Sache mit der manipulierbaren Meinungsfindung

Während ich also durch den Raum gehe, das Lied des Todes mein ständiger Begleiter, lausche ich der Führerin. Sie ist Amerikanerin und ihr Akzent hinreißend charmant. Mein Vater sagt dazu „immer eine Kartoffel im Mund haben“. Dieser Vergleich ist weniger charmant, als die Aussprache unserer Führerin, aber sie ist leidenschaftlich und sie zieht die Gruppe in ihren Bann, während sie uns durch die Ausstellung geleitet. Wir bleiben an diesem Gebilde stehen. „Ihr Lieblingskunstwerk“, sagt sie. Das hat sie zu den letzten drei auch gesagt, aber ich pflichte ihr bei. Dies wird auch mein Lieblingsstück, neben anderen Kunstwerken. Es ist von Mark Flood und heißt 5000 Likes. Es besteht aus 4344 Leinwänden auf denen Like steht. Offensichtlich knüpft das Kunstwerk, an unsere heutige Like- Gesellschaft und Facebook an. Aber der Künstler will noch mehr von uns. 70 Likes reichen heute aus, sodass das Internet weiß, was wir mögen werden und uns nur solche Dinge zuschustert. Unsere Facebook Seite voll von Dingen, die wir mögen werden. Es geht nicht um Originalität der Like-Bilder, sondern über das Überangebot und die Möglichkeit der Verbreitung. Auch die übertriebene Aufrundung der Bilder von 4344 auf 5000 steht symptomatisch für unsere Zeit und die Selbstvermarkung, die im Social Media fest verankert ist.

Dieses Kunstwerk hat etwas ergreifendes an sich. Vielleicht durch die Banalität und die Nähe und Bekanntheit der Likes. Jedem jungen Mensch kennt das „liken“ . Dieser kleine Button mit dem Daumen nach oben. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals über die politische Bedeutung dieses kleinen Buttons, der unter jedem Bild, jedem Post klebt, Gedanken gemacht habe. Jetzt tue ich es. Lausche der Führerin, wie sie mit ihrem charmanten amerikanischen Akzent erzählt, wie 70 Likes reichen, damit der Computer ein Persönlichkeitsrechtprofil von uns erstellt und unsere Seiten dem anpasst. Problematisch wird sowas immer dann, wenn die Anpassunsgmechanismen sich auf die Verbreitung von politischen Meinungsbildung auswirkt. Wie kann man sich nüchtern informieren, wenn der Computer aus unseren Interessen heraus analysiert, welcher Kandidat zu uns passt und uns ihn und seine Partei dauernd vorschlägt und anzeigt? Ist das dann eine freie Wahl?

Das Kunstwerk „5000 Likes“  verspottet den Besucher fast, wenn es um die Frage der freien Wahl und der Kontrolle über persönliche und politische Inhalte geht. Was ich auch unglaublich an diesem Kunstwerk finde, ist die Tatsache, dass die einzelnen Bilder eigentlich dazu gedacht sind, die anderen Bilder in der Ausstellung zu „liken“. Auch hier bindet der Künstler die Besucher mit ein. Wir haben also diesmal die freie Wahl, was wir „liken“ , richtig? Falsch, denn wir können ja nur dort das Bild mit dem Like hinstellen, dass uns zur Verfügung steht. Eine weiter Spiegel für unser Bewusstsein.

Steckt die Demokratie in einer Krise?

Demokratie lebt von einem Diskurs und Diskussionen, von einer konfliktreichen Darstellung und unterschiedlichen Lagern, bei denen wir selber entscheiden zu welchen wir gehören.  In der heutigen Zeit, werden die Parteien sich immer ähnlicher, sie rücken alle irgendwie in die Mitte und machen einen politischen Diskurs und die Streitkultur fast unmöglich. Bei vielen Menschen stellt sich das Gefühl ein, keine Alternativen zu haben, keine wirkliche Machte etwas zu ändern. Wie denn auch, wenn das Kreuz, dass man setzten kann nicht viel ändert- ganz gleich ob man es weiter oben oder unten hinsetzt. Das Resultat hiervon ist Politikverdrossenheit und eine niedrige Wahlbeteiligung.

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Also steckt die Demokratie in einer Krise? Und wenn ja, muss sich nur die Politik ändern oder auch wir,  als Bürger?

Vielleicht so wie Katie Holten, die in der Ausstellung die Reihe „She Persisted…“ geschaffen hat und 10 Portraits von Frauen gemalt hat, die rebelliert haben. Katie Holten, die eigentlich bekannt war für Naturportraits. Um der Natur eine Stimme zu geben. Dann kam Trump. Und Katie Holten wurde zu Aktivistin. Sie organisierte Proteste, die sie fotografierte. Die Kollagen von zwei Märschen sind als Kunstwerk in der Ausstellung gezeigt worden. Und ist Aktivismus also Kunst? Oder Kunst Aktivismus?

Für Holland Potter, Pulitzer-Preisträger und Kunstkritiker der New York Times hat den Women’s March vom 21. Januar 2017 auf Platz eins gesetzt. Für Potter war dieser March die größte Performancekunst, das es je gegeben hat. Wie jeder selbst dazu steht, muss jeder für sich entscheiden.

Denn eines ist von vorne herein klar, diese Ausstellung wirft Fragen auf. Nur wenige werden beantwortet. Die Besucher sollen die Fragen mit nach Hause nehmen, sich Gedanken machen. Teilhaben.

Und das gelingt der Ausstellung hervorragend. Eine der besten Ausstellung, in der ich war.

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Die Frage, ob die Demokratie in einer Krise steckt, muss jeder für sich beantworten.

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2 Gedanken zu “Power to the people

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