Save the Bees – eine Reportage über das wichtigste Nutztier der Menschen

Ich wohne auf dem Land. Alles ist grün. Es scheint sich nichts verändert zu haben seit meiner Kindheit. So ist das auf dem Land. Die selben Anwohner, die selbe Landschaft. Und dennoch sitze ich auf meinem Balkon und beobachte die zwei Blumenkästen, die ich mit einigen Verlusten und Erdhaufen, die sich wie Brotkrummen im Haus verteilen, hier rauf geschleppt habe und warte. Warte auf das Summen. Auf die Insekten, die durch das Schlagen ihrer Flügel und ihrer bloßen Masse eine einzigartige Geräuschkulisse des Frühjahrs bis in den Sommer bildet.

 

Die Bienen. Ich warte und warte. Und dann? Eine Hummel. Ernüchternd. Dabei habe ich doch extra für die geflügelten Tierchen die Blumentöpfe hinauf geschafft. Naja und wegen der Gemütlichkeit. Und der Ästhetik. Aber dennoch wird mir erst jetzt klar wie weit das Bienensterben vorangeschritten ist. Es ist eine Sache die Medien und Nachrichten voll von den Hiobsbotschaften und Schlagzeilen vom Bienensterben zu lesen, als es zu begreifen. Zu sehen.

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 Auf den Wegen der Bienen- äh Flugbahnen?!

 

Wenn ich an Bienen denke, dann denke ich an Honig- und dann an Essen. Honigbrote. Meine Oma hatte sie immer in winzige Quadrate gestrichen und unendlich viel Butter unter den Honig geschmiert. Göttlich.

Aber zurück zu den Urhebern dieser schönen Kindheitserinnerung.  Bienen sind nicht nur die Verursacher dieser süßen Flüssigkeit, sondern ein wichtiger Teil unser Pflanzenwelt.

Denn ohne sie gäbe es keine Bestäubung. Im Klartext : die Bienen sind die Liebesvermittler der Pflanzen. Sie sind die kleinen Sexbotschafter der Natur. Klingt anzüglich, ist es aber nicht. Auf der Suche nach Nektar und Pollen, bestäuben die Bienen die Blüten auf denen sie landen und befruchten sie. Keine Biene, kein Gemüse, kein Obst.

70 %  der 124 wichtigsten Nutzpflanzen weltweit sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. In Europa sind es sogar 84%.

 

Stellt euch den Supermarkt eures Vertrauens vor. Ihr geht hinein. Schiebt euren Wagen durch die Regale, die leer sind. Was bleibt am Ende noch übrig von den vollen Regalen? Brot. Käse und Wurst. Nudeln mit Tomatensoße- äh- ne, nur nackige Nudeln. Rataouille? Nope, heute nicht. Erdbeeren mit Yoghurt? Den Yoghurt bekommst du, die Erdbeeren nicht. Spargel? Tomaten? Kirschen? Gurken? NEIN.  Ach und übrigens, das Raps- oder Olivenöl zum anbraten, dass gäbe es auch nicht. Kräuter zum Würzen auch nicht, also beschränkt euch auf Salz.  Und wenn ihr an einem Montagmorgen aufsteht und nach einer  schönen Tasse Kaffee greifen wollt- dann vergesst es. Kaffee braucht nämlich auch die Bienen.

 

Eine traurige Welt, nicht wahr?

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Die Gründe für das Aussterben- oder der Meteorit der Insekten

 

Wie immer gibt es nicht nur ein Grund. Es spielen viele Faktoren, warum die Bienen auf der ganzen Welt langsam aber sicher verschwinden. Einer der Gründe ist die monotone Agrarwirtschaft. Die Straßen, die auf beiden Seiten Kilometer weit mit den gelben Raps bepflanzt sind, sehen schön aus, sind aber für die Bienen eine karge Wüste. Denn nur in den 2-3 Wochen, in denen der Raps blüht, finden die Tierchen hier Nektar. Monokulturen sind für die Bienen schädlich. Auch das viel zu frühe Mähen von Wildwiesen ist eine der Gründe. Zum einen können 10.000 Bienen auf einem Hektar Land in den Mähmaschinen landen und zum anderen werden die Bienen ihrer Nahrung durch das Mähen der Wildblumen und Unkräuter beraubt. Bienen brauchen wie wir Menschen auch eine ausgewogene Mahlzeit. Nektar von nur einer Blume schwächt ihr Immunsystem.

 

Auch der Klimawandel hat Auswirkungen auf die Bienen. Durch die Erderwärmung blühen Blumen wie zum Beispiel der Löwenzahn inzwischen früher und bringt somit den Rhythmus der Bienenvölker durcheinander. Das kostet die Völker Energie. Warme Winter und lange Trockenheitsphasen im Frühjahr und im Sommer stressen die Tiere zusätzlich und schwächen sie, machen sie anfälliger für Krankheiten.

 

Oder Parasiten, wie die Varroamilbe. Diese kleine Blutsaugerin befällt die Arbeiterinnen, trinkt ihr Blut und legt ihre Eier in die Larven der Bienen, die sich dann von ihnen ernähren. Ursprünglich kommt die Milbe aus Asien und wurde in den späten 1960er Jahren nach Osteuropa eingeschleppt. Inzwischen ist sie fast auf der ganzen Welt verbreitet und befällt Bienenstöcke. Der letzte Punkt auf der langen Liste der Gründe, ist auch gleichzeitig der umstrittenste: Insektizide.

 

Sie werden inzwischen überall benuzt. Ob auf Obst- und Gemüsefeldern oder in Haus und Kleingärten werden sie gesprüht. Vor allen die Gruppe der Neonicotinoide schädigen die Bienen und die anderen Bestäuber in unser Umwelt. Am 27. 04. 2018 wurden drei der sogenannten Neonics verboten. Eine lange Reise war es bis dahin. Vor allen weil sich der produzierende Konzern Bayer dagegen sträubte und behauptet, dass Neonics nicht verantwortlich für das Sterben der Tiere ist.

 

Alzheimerpatienten bitte vortreten: die Bienen!

 

Prof. Dr. Randolf Menzel ist nicht dieser Meinung. Auch wenn der Kontakt nicht zum sofortigen Tod der Bienen führt, haben die Neonics doch erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Tiere. Der Professor fand heraus, dass die Neonics die Gehirnfunktionen der Bienen erheblich beeinträchtigen. Kommen Bienen mit den Neonics in Berührung erregt der Stoff erst einmal die Nervenzelle. Da der Stoff aber nicht abgebaut werden kann, blockiert er im Nachhinein die Nervenzelle und schädigt sie irreversibel. Die Nervenzellen sterben in den meisten Fällen ab, bei genügend starker Schädigung führt das zum Hirntod. Aber auch die Insekten, die nicht sofort sterben, sind erheblich beeinträchtigt in ihrer Lebensweise. Sie werden zu Alzheimerpatienten. Ihre Wahrnehmung, das Lernen, Erinnerungen, Orientierung, Navigieren und Kommunizieren funktioniert nicht mehr so, wie es einmal war. Daneben beeinflussen Neonics das Immunsystem der Insekten, die Entwicklung der Larven und den Energiestoffwechsel und die Gene.

 

Der Konzern Bayer hat also gewissermaßen recht: die Neonics töten in den meisten Fällen die Bienen nicht gleich. Aber sie machen sie anfälliger für Krankheiten und die Varroamilbe. Auf der Homepage der Firma finde ich ein Link, der mich zu „Bee care“ führt. Eine Plattform für wissenschaftlichen Austausch und Kommunikation, um die Entwicklung für eine nachhaltige Lösung zur Bienengesundheit zu  finden. Das Ganze wird natürlich von Bayer betrieben. Auch die Forschung. Die eine Studie herausbringt, die nachweißt, dass es hier in Deutschland die Neonics keine negativen Einflüsse auf die Bienen haben. Die Studien, die das Gegenteil beweisen, wären falsch, weil sie meist nicht in der freien Natur verfasst würden, sondern im Labor. Und das wären ja keine echten Lebensbedingungen der Bienen.

 

Dennoch plädiert auch Bayer für das Aufhalten des Bienensterbens. Zu wichtig sind die Tiere für die Landwirtschaft. Ihre Gründe für das Bienensterben geben sie auf ihrer Homepage an: falsche innerliche Praxis, Agrartechniken und Anbaupraxis, Pilzparasiten, Nahrungsversorgung, Viren und Bakterien, Milben wie die Varroamilbe und Wetter- und Klimabedingungen. Alles in gewisserweise richtig. Die Firma scheint nur vergessen zu haben, dass in der Natur alles eine Wechselwirkung hat. Wenn das Immunsystem von den Neonics angreifbarer wird, ist es klar, dass Bienen häufiger Krankheiten oder Parasiten zum Opferfallen. Die Frage ist also: Ist derjenige, der das Opfer bewegungsunfähig macht oder derjenige, der das Messer führt, der Mörder?

 

Wird Europa sich wie die USA in ein Staat der Wanderimker entwickeln?

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Während Europa in einer Krise steckt, ist die USA der Katastrophe schon näher. Seit 2006 sterben jeden Winter 25-30% der Bienenvölker in Amerika. Die Zahl der Bienenstöcke sind rapide gesunken, sodass die Wanderimker, dieses Jahr ihre Preise verdreifachen können. Wanderimker, schon allein dieser Beruf ist perfide. Imker, die ihre Bienen den Farmern ausleihen für die Zeit, in der ihre Plantagen blühen, weil es nicht mehr genügend Bienen und Bestäuber gibt, um die Plantagenpflanzen zu befruchten. Eine wahnsinnige Stresssituation, wenn man sich mal den Routenplan der Bienen an.  Im Herbst und Winter überwintern die Bienen in Florida. Bestäuben dort Teebäume und brasilianischen Pfeffer. Im Februar werden sie in riesigen LKWs nach Florida gekarrt, wo die Tierchen sich auf den Mandelplantagen gütlich tuen können. Im März geht es weiter nach Washington zu den Äpfeln, im Mai nach South Dakota zu den Sonnenblumen und Rapsfeldern. Im Juni ist Maine mit seinen Blaubeeren dran, dann kommen die Kürbisse in Pennsylvania  und dann geht es wieder nach Florida. Etwa 2,4  Millionen Bienenstöcke werden jedes Jahr über 10 000 Kilometer mit Tiefladern transportiert um in 5 Monaten ca. 14 000 Quadratkilometer zu bestäuben.

 

Diese Arbeitsbedingungen wären schon für uns Menschen stressig. Und für die kleinen Tierchen sind sie es auch. Dazu kommt, dass ein Verbot der Neonics in den USA undenkbar ist. Zu stark ist die Lobby und auch die Farmer wehren sich gegen solch ein Verbot. Inzwischen ist die Lage aber so prekär, dass selbst die Farmer langsam umdenken müssen. Verschwinden noch mehr Bienen wird auch bald die Bezahlung der Wanderbienen ins unermäßliche gehen. Und was passiert, wenn die Felder nicht mehr bestäubt werden? Keine Mandeln, keine Äpfel.  Schaden die Farmern den Bienen, schaden sie sich selbst. In Europa sind wir mit dem Verbot der 3 Neonics einen Schritt weiter, als die USA. Aber noch lange nicht am Ziel!

 

Wir alle sind gefragt!

 

Aber auch wir müssen noch viel überdenken.  Denn von den 13 Neonics sind erst drei verboten und das Insektensterben, sowie die Folgen auf die anderen Lebewesen werden weiter gehen, wenn wir weiterhin unsere industrialisierte Landwirtschaft weiter betreiben wie bisher. Das Umdenken beschränkt sich auch nicht auf die Landwirte und die pharmazeutische Industrie.  Wir alle müssen uns klar werden, was uns die Artenvielfalt und eine ausgeglichene Landschaftsstruktur wert ist. Vielleicht den Rasen weniger oft mähen, sodass einige Blumen wachsen können? Ein kleiner Teil des Gartens mit „Unkraut“ bestücken, sodass die Bienen und die anderen Bestäuben sich eingeladen fühlen? Sparsamer mit Pestiziden und Insektiziden umgehen. Bereit seien mehr zu zahlen für die Landwirte, die sich für einen Insektenfreundlichen Anbau entscheiden.

 

Ein kleiner Tipp von mir: Inzwischen kann man sogar Bienenhäuser kaufen. Man bekommt einen Kasten mit Bienen zugeschickt, bringt sie Zuhause an und lässt sie fliegen. Für die Überwinterung schickt man sie an den Hersteller zurück und bekommt sie zu Blühzeit im Frühjahr wieder. Oder man legt wie ich ein paar Töpfe mit Blumen an und hofft, das die Bienen und Hummeln und Schmetterlinge und all die Bestäuben ihren Weg dorthin finden.

 

 


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2 Gedanken zu “Save the Bees – eine Reportage über das wichtigste Nutztier der Menschen

  1. Ein toller Artikel. Ich muss sagen, das ich mir davor überhaupt keine Gedanken über dieses Thema gemacht habe. Aber jetzt wo darauf aufmerksam machst und vor allen auch eine einfache Lösung darstellst für jeden, finde ich das einfach toll!😂👍🏻

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen lieben Dank!
      Ich freu mich das er dir so gut gefällt. Ich habe gehofft, Leute zu inspirieren. Ein bisschen Unkraut oder ein Blumenkasten ist ja auch nicht so viel;) hilft aber schon den Bienen !

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