Das Vegan- Experiment geht weiter

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„Ihre Blutwerte sind zuerst total gut geworden und dann zack!“, sie macht eine schnipsende, dramatische Handbewegung, sodass meine Wimpern klimpern, „ sind ihre Blutwerte gefallen. Ihr Arzt hat sie gefragt, warum sie keine Nahrungsergänzungsmittel nimmt als Veganerin! Hast du das gewusst, Lea? Du musst aufpassen!“

„Jaaa, Mama!“, habe ich erwidert.

Im Internet gibt es tausend von diesen Vegan-Seiten, auf der nur strahlende Gesichter mit glänzender, makelloser Haut aus den Bilder lächeln und die buntesten und appetitlichen Gerichte in die Kamera halten. Ja, ich schaue mir diese Bilder an und denke: „ Wow, das will ich auch. Jetzt, wo ich doch Veganerin bin!“ Es hört sich immer noch komisch an das zu sagen. Veganerin. Die Wörter „ich“ und „Veganerin“ sind vorher nie im Zusammenhang gefallen. Höchstens, wenn ich mit Händen und Füßen argumentierte niemals, also wirklich NIEMALS in meinem Leben auf Fleisch zu verzichten.

Tja, jetzt bin ich hier. Die ersten Tage, wenn man mir etwas anbot, dass ich nicht essen konnte, sagte ich- nein, ich flüsterte es beinah: „ ich versuche mich jetzt mal vegan zu ernähren!“

Heute war der erste Tag an dem ich sagte: „Ich bin doch Veganerin!“

Es hört sich noch immer falsch an. Nicht, weil ich mir unsicher wegen meiner Entscheidung bin. Ganz im Gegenteil. Aber weil ich noch gerade einmal eine Woche so lebe. Gut die Wochen davor war ich tatsächlich sehr sparsam mit Fleisch und Milchprodukten und umso großzügiger mit Salat und Gemüse- allein schon wegen der Hitze. Aber dennoch… es fühlt sich noch irgendwie merkwürdig an. Ein bisschen Angst in ein paar Wochen aufhören zu müssen oder zu versagen, habe ich schon. Jetzt wo ich doch erzähle, dass ich Veganerin bin.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Essen. Ja, man muss als Veganer wahrscheinlich mehr aufpassen, welche Nahrungsmittel man zu sich nimmt und das man genügend isst, genügend Makro- und Mikronährstoffe seinem Körper zuführt, aber irgendwie ist das doch auch gut oder? Es zwingt einen sich mit dem Essen zu beschäftigen.

Auf einmal geht es nicht mehr darum: „ Was esse ich ?“ Oder „ Worauf habe ich lust?“

Unwiderruflich muss ich mich fragen: „ Was brauche ich? Was braucht mein Körper?“ Ich habe mir diese Frage in Bezug auf Essen eigentlich noch nie vorher gestellt. Ich habe gegessen, was auf den Tisch kam und ich dachte, solange ich Obst und Gemüse zu mir nehme, wird es schon passen. Bevor ich mich für Vegan entschied, wusste ich auch nicht, was Makro- oder Mikronährstoffe sind. Ich hatte von einigen Vitaminen gehört: Eisen, Zink, Kalzium, Vitamin A und B . Wo, was enthalten ist… pfff, solange es mir doch gut geht…oder?

Als Veganer muss ich mehr darauf achten und ich muss Vitamin B12 supplementieren . Das ist oft ein Argument für Fleischesser zu sagen: „ Du bekommst doch gar nicht alle Nährstoffe durch dein Grünzeugs!“ Und ja, obwohl ich mich erst seit Sonntag so ernähre, führe ich bereits einige dieser Diskussionen. Aber zurück zu B12: Wusstet ihr, dass den Tieren B12 ins Essen gemacht wird, damit wir später- wenn wir sie essen, das Vitamin zu uns nehmen? Nun, nachdem ich das wusste, ist es absolut kein Problem und schon gar kein Hindernis B12 zu supplementieren. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass es gesünder ist, einmal täglich sich mit einer B12 angereicherten Zahncreme die Zähne zu putzen oder eine Tablette zu schlucken, als Fleisch zu essen, dass außer Vitamin B12 auch noch einiges an Antibiotika und multiresistenten Keimen enthält.

Ist es nicht merkwürdig, dass ich mich nicht einmal eine Woche vegan ernähre und jetzt schon einige Kommentare zu hören bekomme? Oder Diskussionen führen muss. Oft kommt dann sowas wie: „ Klaaaar, muss man schon schauen, wo das Fleisch herkommt, aber wir haben eben schon immer Fleisch gegessen. Und wenn man es von einem Biohof holt, dann hatten sie doch ein glückliches Leben!“ Wenn ich dann dagegen argumentiere, dass die Fehlbetäubungsrate bei Schweinen bei 12,9 und bei Kühen bei 9 % liegen und egal, ob Bio oder Massentierhaltung tot ist tot, dann höre ich schon das Stöhnen.

„Also Lea!“, tiefer Seufzer und ein Augenrollen, „ jetzt lass die Kirche aber mal im Dorf!“ Ich zuckte mit den Schultern und sagte: „ Du hast angefangen. Ich habe nur gesagt, das ich jetzt so lebe! Ich wollte dich weder missionieren, noch belehren. Du führst diese Diskussion!“

Auch bekomme ich Bilder von gegrillten Steaks mit den Untertiteln: „ Darauf willst du in Zukunft verzichten?“

„Das tue ich schon. Und nach deinen Blutwerten zu urteilen, solltest du auch!“ Ein wütendes nein in Großbuchstaben und einige fluchende Smileys waren die Reaktion.

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Verzicht ist ein dummes Wort. Mir fehlt momentan noch eine Alternative. Vielleicht, weil ich erst am Anfang bin und es sich momentan in manchen Momenten auch wie ein Verzicht anfühlt. Gerade, wenn mir eine Schokoriegel vor die Nase gehalten wird und meine Kollegin mit vollen Mund und mit seeligen Schokoladenaugen mich ansieht und fragt: „ Willst du?“ Dann wünschte ich etwas anderes sagen zu können, als : „ Da ist Milch drin. Nein, danke!“ Aber dann denke ich an die Tiere. An die Kühen, in diesen widerlichen Einrichtungen. Und dann sehe ich den Schokoriegel nicht als etwas „unschuldiges“ an. Er ist ein Symptom und plötzlich ist es kein Verzicht.

Ich fühle mich stark, weil ich für etwas einstehe und die Konsequenzen trage für meinen Glauben und meine Überzeugungen. Ich glaube eben nicht mehr an die Massentierhaltung und will das nicht mehr unterstützen. Und anstatt mich hin zu stellen und zu sagen: „Mh, da muss sich was ändern!“ und in mein Salamibrot beiße, stehe ich auf. Ich stehe auf und sage :“ NEIN!“

Wenn ich mir diese dramatische Szene vor AUgen halte, dann fühle ich mich stark. Dann kann ich meinen Freunden beim Käse- und Salamibrot essen zu schauen. Ich brauche das nicht. Und ehrlich gesagt: War ich noch nie so begierig auf Essen. Noch nie hatte ich solch eine Freude zu überlegen, was mache ich mir zu essen. Was brauche ich? Was tue ich jetzt für meinen Körper. Es ist, als würde ich eine Tür öffnen zu einem neuen Universum. Ein bisschen wie Alice, als sie im Wunderland ankommt.

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So fühle ich mich. Ich bin Alice im Wunderland und ich kann es nicht erwarten zu sehen, was es hier alles zu entdecken gibt.

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2 Gedanken zu “Das Vegan- Experiment geht weiter

  1. Hey 😊,

    finde deinen Bericht echt klasse. Und auch dass du es mit der veganen Ernährung versuchst. Habe dazu mal auf meinem Blog einen Beitrag geschrieben mit ein paar Tipps für Einsteiger. Vielleicht wäre ja was für dich dabei 😊.

    Ansonsten, die ganzen Diskussionen kenne ich nur zu gut 😁 Die wird es da auch immer irgendwo geben, sobald jemand hört, dass man sich vegan ernährt. Auch wenn man selbst gerne einfach nur seine Ruhe hätte 😂

    Ansonsten probiere einfach aus womit und wie du dich wohl fühlst. Denn wie Verzicht sollte es auch nicht sein. Da kann es dann manchmal auch besser sein gewisse Kompromisse einzugehen. Tu einfach das wlmit du dich wohl fühlst und was dir gut tut ☺

    Lg

    Gefällt 1 Person

    1. Hey
      Vielen lieben Dank, ich werde mir da auf jeden Fall deine Tipps mal anschauen. Sich vegan zu ernähren ist wirklich wie eine Reise – man lernt so viel dazu und es gibt so viel zu entdecken. ☺️

      Ich finde die Diskussionen meist auch gar nicht schlimm. Aber interessant, weil es doch oft heißt die Veganer/ Vegetarier möchten missionieren . Meine Erfahrungen sind bisher eher anders herum.

      Inzwischen komme ich sehr gut mit der Ernährung zu recht. Ich finde es sehr spannend und genieße es auszuprobieren und neue Sachen zu essen und mich darüber zu informieren bzw darüber zu lesen.

      😍

      Gefällt 1 Person

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